Im Rollstuhl zum OpenAir Festival „Summer Breeze“

Vonskuehnicke

Im Rollstuhl zum OpenAir Festival „Summer Breeze“

Vier Tage auf dem Campingplatz des Summer Breeze Festivals zelten – mit Rollstuhl, Liftgerät, Beatmungstechnik ???

Dass das nahezu problemlos klappt, erfuhren wir, Familie Lange (Birgit, Tilo und Finn) und Familie Kühnicke-Dippold (Sabine und Markus) vom 14. – 18. August 2019 auf dem zweitgrößten Heavy-Metal-Festival Deutschlands in Dinkelsbühl.

Wie das genau funktioniert hat, erzählen jetzt Markus und Finn:

Gespannt traten wir am Mittwoch, den 14. August die Fahrt an. Erster Treffpunkt war bei Familie Lange, um von dort aus gemeinsam nach Dinkelsbühl (Mittelfranken) zu fahren. Dort angekommen mussten wir erst einmal zu einem gesonderten Check-In, um die Eintritts-Armbändchen für unsere Begleitpersonen abzuholen. Anschließend ging es nach einem kurzen Sicherheitscheck unseres Gepäcks zu einem speziellen Handicap-Campingplatz, bei dem für die einzelnen Zelt-Plätze mehr Platz einberechnet wurde und entsprechende Rollstuhl-Dixis und eine rollstuhlgerechte Duschkabine bereitstanden. Der größere Platz war für uns auch wirklich notwendig, denn wir reisten mit zwei Ford Transits, einem 3 x 3 Meter-Zelt von Familie Kühnicke-Dippold, einem Ein-Mann-Zelt für Tom, einem Metal-begeisterten Freund von Finn, einem Wohnwagen-Anhänger und einem Pavillon von Familie Lange an.

Der Aufbau dauerte dementsprechend lang. Familie Lange hatte sich vor nicht allzu langer Zeit einen gebrauchten Wohnwagen-Anhänger gekauft, mit einer Seitentüre, die gerade großgenug ist, damit Finn mit seinem Elektrorollstuhl über Rampen in den Anhänger fahren kann. Zum längeren Aufhalten am Tag wurde es in dem Wohnwagen natürlich zu eng, weswegen der Pavillon nötig war.

Markus und Sabine waren ausgestattet mit einem stabilen 3 x 3 Meter Zelt, einem speziellen Event-Klick-Zeltboden – da der mobile Lift mit seinen kleinen Reifen auf dem Rasen natürlich nicht fahren kann -, dem simpelsten IKEA-Bett, das es zu kaufen gab, mit einem verstellbaren Lattenrost für Markus und einem Klappbett für Sabine.

Nach einer kleinen Erholungspause machten wir uns auf zur Erkundung des Geländes.

Als erstes deckten wir uns natürlich mit Festival T-Shirts ein und schauten uns die übrigen Stände an. Es war der Wahnsinn – ob man nach Schmuck, neuen Piercings oder sogar Tattoos suchte oder sich neu einkleiden wollte, man hatte eine riesige Auswahl an Verkaufsständen und natürlich an Imbiss-Buden.

Danach schauten wir uns das „Battlefield“ an, den Platz vor den Bühnen. Wirklich gut war, dass es Rollstuhl-Bühnen gab, die sehr zentral aufgebaut waren, so dass man einen perfekten Blick über die Menschenmassen hinweg direkt auf die Bühne hatte. Wenn die Headliner zu später Stunde auftraten, war die Bühne natürlich brechend voll, aber mit dem Aufräumtalent von Sabine wurde ordentlich Platz geschaffen und am Ende war für jeden genug Platz und eine gute Sicht gegeben.

Auch was die Bands anging, war einiges geboten: in der breitgefächerten Welt des Metals war von Symphonic-Metal von Tobias Sammet’s Avantasia, über Metalcore vom Headliner Parkway Drive, bis zum klassischen Heavy-Metal der Band Lordi, die 2006 den Eurovision Song Contest gewann, alles dabei. Auch die ein oder andere unbekannte Band wurde nachdem Festival noch fröhlich weitergehört.

Auch für die kleinen Einstiegs-Metaller war mit HeavySaurus eine Show geboten, für die Familien mit Kindern das Festival sogar kostenlos betreten konnten.

Zwischen den Auftritten der Bands war es immer wieder schön, dem Festival Trubel zuzusehen und Bekanntschaften zu knüpfen. Man traf immer Leute, mit denen man sich unterhalten oder den ein oder anderen Spaß erleben konnte.

Auch mit den anderen Rollstuhlfahrern und deren Begleitern war es immer sehr lustig, wenn wir uns als gemeinsamer „Metal-Train“ durch die Massen an Metalheads schoben. Wenn wir schon beim Thema sind, sollte man betonen, dass alle Besucher sehr rücksichtsvoll auf Rollstuhlfahrer reagierten. So konnten wir mit relativ wenig Mühe durch die Massen unser Ziel erreichen, da jeder Besucher sofort half, Platz zu schaffen.

Die Versorgung mit Essen bewerkstelligten wir meistens selber, da wir bestens mit zwei Grills, dem besten Chili aller Zeiten von Birgit und Brotzeit fürs Frühstück ausgerüstet waren, aber auch bei der Vielzahl der Essens-Stände schauten wir uns um, egal ob man über dem Feuer gegrillten Lachs, Spanferkel oder Chinesische Nudeln wollte – kulinarisch gesehen hatte das Festival einiges zu bieten.

Am späten Abend, nachdem wir unsere Lieblingsbands gehört hatten, setzten wir uns entweder noch eingehüllt in diverse T-Shirts, Jacken, Capes und Decken bei unserem Zeltlager zusammen und ließen den Abend ausklingen, oder gingen – müde vom vielen Tanzen – gleich Schlafen.

Den Transfer ins Bett bewerkstelligten Finn und seine Eltern über einen in den Wohnwagen eingebauten Deckenlift. Dank des eingebauten Pflegebettes konnte Finn sich in der Nacht gut ausruhen, um für den nächsten Festivaltag wieder fit zu sein.

Im Zelt hingegen konnte Markus dank des stabilen Zeltbodens relativ mühelos von Sabine mit dem mobilen Liftgerät umgesetzt werden. Im Zelt war es natürlich nahezu so kalt wie draußen, doch eingewickelt in mehrere Decken und Schaf-Felle wurde es Markus schnell wieder warm und auch Sabine konnte sich im Schlafsack wieder aufwärmen. Einzig das nächtliche Umlagern musste aufgrund der Kälte sehr schnell von statten gehen. Waschen und Anziehen in der Früh waren da schon angenehmer, da sich über Nacht doch ein bisschen Wärme im Zelt gestaut hatte und es morgens sehr schnell warm wurde.

Einen Stromanschluss für die Atemgeräte und zum Laden der Rollstühle hatten wir mit der Ticketbestellung reserviert. Die Rollstuhl-Dixis waren zu klein, um darin mit Elektrorollstuhl und Liftgerät hantieren zu können. Daher mussten wir uns beide mit mobilen Camping-Toiletten behelfen. 

Durch die rollstuhlgerechte Duschkabine hatten Rollstuhlfahrer – sofern sie noch über genügend Oberkörperstabilität verfügten, um auf dem an der Wand befestigten Duschhocker sitzen zu können – sogar die Möglichkeit, zu duschen.

Einpacken am letzten Tag ging erstaunlich schnell. So traten wir gegen Mittag des 18. August erschöpft aber glücklich und mit etlichen Ohrwürmern im Gepäck den Weg nach Hause an.

Für uns zwei Familien war es das erste mehrtägige Festival. Natürlich war es auch anstrengend – gerade für die pflegenden Eltern. Auch die Vorbereitungsarbeiten sind nicht zu unterschätzen. Aber wir können sagen:

Es hat sich auf jeden Fall gelohnt und auch nächstes Jahr werden wir wieder das Summer Breeze rocken !!! 

Zum Schluss noch ein herzliches DANKESCHÖN an den Veranstalter, die vielen Leute hinter den Bühnen, die Sicherheitsleute und nicht zuletzt die Metal-Gemeinde. Wir haben uns sehr wohl gefühlt – es war ein tolles Erlebnis.

Finn Lange & Markus Dippold aus der Jugendgruppe Schwabach

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